Anmerkungen zum Unterricht:

Autoritär oder Antiautoritär, wie ist denn der Unterricht?

Lebendiges Unterrichten als Grundlage für die Autorität des Unterrichtenden Zufriedenheit mit einer Unterrichtsstunde sollte, so Rudolf Steiner, einen Lehrer nicht dazu verleiten, sie später zu wiederholen.

Denn nur wer sich am Leben orientiert, ist ständig in Verwandlung begriffen. Auf der lebendigen Ausgestaltung des Unterrichtsinhaltes gründet die natürliche Autorität des Grundschullehrers.

Echte Autorität setzt ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler voraus. Rudolf Steiner betont, dass es "unendlich wichtig" sei, dass das Grundschulkind an dem Erzieher bzw. Lehrer "eine selbstgewählte, freiwillig gewählte Autorität empfindet". Dazu muss sich der Lehrer erst als würdig erweisen.

Eine autoritäre Haltung ist diesem Ideal diametral entgegengesetzt. Bereits Rudolf Steiner hatte vorgeschlagen, den Lehrerberuf dadurch immer wieder an das Leben heranzuführen und damit dem "Burn-out-Syndrom" entgegenzuwirken, dass in einem Sabbatjahr der Lehrer z.B. in wirtschaftlichen Berufen arbeitet.


Werden die Kinder an der Waldorfschule weltanschaulich unterrichtet?

Die Waldorfschule ist konfessionell nicht gebunden Zunächst entscheiden die Eltern, welchen Religionsunterricht ihr Kind besucht, später entscheiden die Jugendlichen selbst.
Rudolf Steiners geisteswissenschaftliche Erkenntnisse sind zu keinem Zeitpunkt Gegenstand des Unterrichts.

Die Waldorfschulen nennen sich „freie Schulen“. Heißt das, dass die Kinder dort antiautoritär erzogen werden?

Die Waldorfschulen nennen sich „freie Schulen“. Heißt das, dass die Kinder dort antiautoritär erzogen werden? Nein. Waldorflehrerinnen und -lehrer bauen im Gegenteil in der Unterstufe ein von „liebevoller Autorität“ geprägtes Verhältnis zu ihren Schülern auf. Kinder suchen ihre Grenzen. Nur wenn sie ihre Grenzen von den Erwachsenen erfahren, fühlen sie sich einerseits sicher und erleben sich andererseits als eigene Persönlichkeit. Im Laufe der Schulzeit wandelt sich das Lehrer-Schüler-Verhältnis mit der Entwicklung der Heranwachsenden.


`hard facts` in den ersten Klassen?

Lernen an Bildern
Das Lernen im Grundschulalter ist noch nicht gedanklich abstrakt, sondern bildhaft konkret. Bilder, die die Schüler innerlich bewegen können, ermöglichen es, ein Gefühl für die Erscheinungen der Welt auszubilden und sie daran zu begreifen.
Rudolf Steiner (1861 - 1925, Begründer der Waldorfschule) warnte davor, Kinder zu früh in Mehr- und Minderbegabte zu klassifizieren."Denn wir werden die Erfahrung machen, dass die sogenannten Minderbegabten meistens nur später begreifen".
Seine Empfehlung lautete: Die Begrenzung zwischen den einzelnen Klassenstufen weniger scharf sein zu lassen und Kinder möglichst lange gemeinsam lernen zu lassen. Dann wirft er "Lichter hinüber  zu den Lehrplänen gegenwärtiger Schulen, damit wir den Kompromiss ordentlich brav schließen können".
Man kann die Frage stellen, was im heutigen Waldorflehrplan auf den "braven Kompromiss" mit damaligen Lehrplänen, was auf die Ideale der Waldorfpädagogik zurückzuführen ist.


Kann ein Lehrer in allen Fächern überhaupt qualifizierten Unterricht erteilen?

Für Lehrer an Waldorfschulen gibt es eine eigene Ausbildung, die in einem Vollzeitstudium oder auch berufsbegleitend auf die besonderen Erfordernisse des Waldorfschulunterrichts vorbereitet. Klassenlehrer begleiten ihre Klasse (1-8) über mehrere Jahre und erteilen jeden Morgen in den ersten beiden Schulstunden den Hauptunterricht – jeweils ein Fach über mehrere Wochen (Epochenunterricht). Nach zwei Stunden Hauptunterricht übernehmen Fachlehrer den Unterricht in Fremdsprachen, Sport, Eurythmie, Musik, Religion und in den handwerklichen Fächern.

In der Unter- und Mittelstufe geht es an der Waldorfschule nicht um die Fülle reinen Fachwissens. Vielmehr liegt der Schwerpunkt darauf, dass die Schüler eine lebendige Beziehung herstellen zu dem, was sie lernen, was sie sind und was sie an der Welt erleben. Auf diese kann Lernen Freude machen – ein Leben lang.

Künstlerische Elemente an der Waldorfschule?

Ein guter Unterricht fährt sich nicht in Einseitigkeiten fest, sondern atmet. Reine Wissensvermittlung interessiert keinen jungen Menschen.

Wenn der Unterricht aber künstlerisch-dramaturgisch gestaltet wird, indem im rhythmischen Wechsel Spannungen aufgebaut und wieder gelöst werden, wird Schule lebendig. Waldorfpädagogik versucht, lebendigen Unterricht künstlerisch durchzuführen und seine Voraussetzungen mit Bewusstsein zu durchleuchten. Letzteres kann man auch Anthroposophie nennen.

Das Künstlerische in der Waldorfschule ist also kein Selbstzweck, sondern vor allem ein pädagogisches Mittel, das sich auch als geeignet erwiesen hat, Verhaltensauffälligkeiten und Gewalttendenzen in der Jugend entgegenzuwirken.

Ist es nicht so, dass hauptsächlich Kinder mit Lernschwierigkeiten auf eine Waldorfschule gehen?

Nein. Ausdrücklich nein. Für Kinder, die Teilleistungsschwächen oder Verhaltensstörungen haben, gibt es - wie im staatlichen Schulsystem auch - besondere Waldorfschulen: die heilpädagogischen Förderschulen.

Aber es richtig, dass die Waldorfschule das gesamte Fähigkeitsspektrum von der Hauptschule bis zum Gymnasium abbildet. In der Oberstufe wird daher der Fachunterricht zum Teil nach dem Leistungsvermögen der Schüler geteilt, im Hauptunterricht bleiben sie zusammen.

An Waldorfschulen, die nicht ausdrücklich solche Sonderschulen sind, lernen Kinder aller Begabungsrichtungen wie an den staatlichen Regelschulen auch, nur dass hier neben intellektuellen Fähigkeiten gleichgewichtig auch soziale und handwerklich-künstlerische Fähigkeiten angesprochen werden.

Was hat es mit dem Morgenspruch auf sich?

Die Schüler aller Waldorfschulen sprechen am Anfang eines jeden Tages einen gemeinsamen Spruch, kein Gebet! Dieser Spruch begleitet Sie über die ganze Schulzeit. Er leitet den Unterricht ein trennt den Alltag vor der Schule von dem Lernen.

Morgenspruch in den vier unteren Klassen  Der Sonne liebes Licht,  Es hellet mir den Tag;  Der Seele Geistesmacht,  Sie gibt den Gliedern Kraft;  Im Sonnen-Lichtes-Glanz  Verehre ich, o Gott,  Die Menschenkraft, die Du  In meine Seele mir  So gütig hast gepflanzt,  Dass ich kann arbeitsam  Und lernbegierig sein.  Von Dir stammt Licht und Kraft,  Zu Dir ström' Lieb' und Dank.  Morgenspruch in den oberen Klassen  Ich schaue in die Welt,  In der die Sonne leuchtet,  In der die Sterne funkeln;  In der die Steine lagern,  Die Pflanzen lebend wachsen,  Die Tiere fühlend leben,  In der der Mensch beseelt  Dem Geiste Wohnung gibt;   Worin unterscheiden sich Waldorfschulen denn überhaupt von anderen Schulen?

Der Unterricht an einer Waldorfschule ist nicht einseitig auf Wissensvermittlung ausgerichtet. Waldorfschulen wollen verstandesmäßige, kreative, künstlerische, praktische und soziale Fähigkeiten bei den Kindern und Jugendlichen gleichmäßig entwickeln.

Vom ersten Schuljahr an lernen Waldorfschüler zwei Fremdsprachen. Jungen und Mädchen stricken, nähen und schneidern gemeinsam in der Handarbeit und sägen, hämmern und feilen gemeinsam im Werkunterricht.

Sind Fragen der Schüler Inhalt des Unterrichts?

In einer guten Unterrichtsstunde wird ein Waldorflehrer nicht alles bis zu Ende erklären, sondern bewusst wichtige Fragen offenlassen.

So gehen die Schüler mit der Frage in die Nacht. In einer gesund durchgeschlafenen Nacht kann eine Frage im Unterbewussten geistig aufkeimen, so dass sie am nächsten Tag mit einem ganz anderen Tiefgang von den Schülern aus behandelt werden kann. Daran kann wiederum der Lehrer nur aus Geistesgegenwart heraus seinen Unterricht anknüpfen, wobei er bereit sein muss, eventuell seinen vorbereiteten Stoff über Bord zu werfen.

Dann ist aus der Belehrungsanstalt eine lebendige Lernwerkstatt geworden, die bewusst das Geistige des Menschen in den Lernprozess mit einbezieht und die Individualität des Schülers zum Maßstab und zur Richtschnur des Unterrichtens macht. Wohl deshalb haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass die Einstellung der Schüler zu ihrer Schule durchschnittlich positiver ist als dies bei Schülern staatlicher Schulen der Fall ist.

Warum werden Textzeugnisse erstellt?

Anders als bei Staatsschulen wird bei uns am Ende des Schuljahrs ein Textzeugnis erstellt, in dem jeder Fachlehrer einige Zeilen bzw. in der Unterstufe zusätzlich der Klassenlehrer meist 2 Seiten über den Schüler schreibt.

Wir gehen davon aus, dass die Schüler nicht nur Leistungen erbringen, sondern mit Hilfe der Unterrichtsinhalte eine Entwicklung durchmachen, die im Zeugnis festgehalten wird. Ein Beispiel:
Ein "schwacher" Schüler begeistert sich für gewisse Unterrichtsinhalte und beginnt, entgegen seiner Gewohnheit, umfangreichere Hausaufgaben zu schreiben, bis er irgendwann solche Verständnisschwierigkeiten hat, dass er aufgibt. Nun ermutigt ihn der Lehrer, nicht aufzugeben, er erklärt ihm zusätzlich die Aufgaben und erkennt, dass der Schüler tatsächlich Lernwillen zeigt, diesen auch konstant einsetzt, allerdings einige Verständnisschwierigkeiten hat. Das Endergebnis, die "Leistung", wird nicht so gut sein, wie bei anderen Schülern, allerdings besser als vorher.
Ist es in diesem Falle nicht sinnvoll, den Lerneifer zu loben, d.h. diese Leistung zu bewerten und nicht (nur) das Endergebnis? Der Schüler wird dankbar sein und seinen Lerneifer gewiss auch in anderen schulischen Tätigkeiten einsetzen.

Sind Waldorfschulen Weltanschauungsschulen?

Die Vermittlung von Weltanschauungen – gleich welcher Art – würde der pädagogischen Grundintention der Waldorfpädagogik widersprechen. Gleichwohl haben alle Schüler die Möglichkeit, an einem Religionsunterricht der Konfessionen oder an einem freien christlichen Unterricht teilzunehmen.

Darüber hinaus versuchen die Waldorfschulen, durch bildhaften und phänomenologischen
Unterricht, durch Pflege der Phantasie und des künstlerischen Weltverstehens in den Schülern Fähigkeiten auszubilden, die über die rein analytische und quantitative Betrachtungsweise der Natur und des Menschen hinausführen und bei den jungen Menschen Offenheit für verschiedene Weltauffassungen veranlagen